
Kurz vor meinem Abitur ist leider meine Mutter unerwartet verstorben. Das hat meine Studienplanung über den Haufen geworfen und so entschied ich mich, um keine Zeit zu verlieren, direkt nach dem Abitur eine kaufmännische Lehre zu machen.
Bewerbungen hatte ich an Stabilus, Scania, Deloro und Schmalbach gesandt. Deloro hat zunächst nicht geantwortet, so dass ich bei Scania unterschrieben habe – die allerdings nicht verkürzen wollten. Nach der Unterschrift lernte ich erst das Mittelrheinmodell kennen – eine duale Ausbildung inklusive BWL-Studium an der VWA. Als Deloro dann doch noch anrief, habe ich mich dort vorgestellt und auf das Mittelrheinmodell gedrängt. Als dies zugesagt wurde, habe ich den Vertrag mit Scania wieder gekündigt und zum 1.8.1991 bei Deloro meine Ausbildung zum Industriekaufmann, kombiniert mit dem VWA-Studium und der Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten, begonnen.
Schnell wurde ich auch als Azubi breit eingesetzt und verbrachte das Volontariat (1 Jahr nach der Ausbildung, während das Studium noch lief) im Verkaufsinnendienst – als Assistent des Exportleiters Asien. Nach erfolgreichem Abschluss des Studiums wollte Deloro mich zwar übernehmen – allerdings haben wir uns bei den Konditionen nicht geeinigt und ich bin zur Allgemeinen Kredit Versicherungs AG –und später zu Bose GmbH (Lautsprechersysteme) gewechselt. Bei Bose habe ich mit einem Kollegen eine Vertriebsstrategie für die Professionelle Produktlinie aufgebaut.
Ca. ein Jahr nach meinem Abschied von Deloro rief mich mein vorheriger Chef, Jürgen Kuffner, an, um zu fragen, ob ich nicht zurückkommen und die Rolle als Exportmanager Asien, Afrika und Australien übernehmen möchte. Da ich sehr international interessiert war und bin, wollte ich diese Möglichkeit nutzen. Am 1.9.95 war ich also wieder zurück – und nun mit 10 Mio. DM Umsatzverantwortung in „fernen Ländern“.
Meine weitere Laufbahn wurde auch durch die Veränderungen im Unternehmen geprägt – inklusive der Eigentümer, denn die Firma wurde 1997 an einen Private Equity Investor verkauft. Dies führte zu einer Akquisition mit Standorten in Italien und Frankreich. Aufgrund meiner Sprachkenntnisse sollte ich mir das zugekaufte Unternehmen in Frankreich einmal näher ansehen, und nach ca. 1 Jahr hat der damalige CEO mir angeboten, die Geschäftsführung dort zu übernehmen. So bin ich mit 29 Jahren nach Südfrankreich gezogen, um eine Feingießerei mit ca. 150 Mitarbeitern zu leiten.
Dort verbrachte ich fast 6 Jahre und konnte das Unternehmen strategisch komplett neu aufstellen und auf medizinische Implantate spezialisieren. Diese Veränderungen, gepaart mit einer Akquisition im Jahr 2005, stellten das Unternehmen sehr gut auf. Im Jahr 2006 bat mich der mittlerweile neue Eigentümer der Gruppe, die Geschäftsführung des Standortes in Koblenz zu übernehmen und in Frankreich als „Président“ ausschließlich die strategische Ausrichtung des Unternehmens zu begleiten.
So übergab ich die Geschäftsführung, und es hat mich zurück nach Koblenz gebracht. Als Geschäftsführer konnte ich in den ersten Jahren ein großes Investitionsprogramm, gepaart mit starkem Wachstum, begleiten, welches von der Finanzkrise 2008 abrupt gebremst wurde. Davon erholten wir uns schnell, und der Standort Koblenz hat sich über einen Zukauf in Italien sowie eine Gründung in Indien weiter internationalisiert.
Als unser Investor mit uns (dem beteiligten Management) im Jahr 2011 Gespräche über einen möglichen Verkauf an Kennametal aufnahm, haben wir diesen Prozess unterstützt. Zum 1.12.2012 wurden schließlich die Anteile des Finanzinvestors und des Managements der Deloro Stellite Group an Kennametal veräußert.
Die darauffolgende Integration in die Konzernstrukturen von Kennametal bedeuteten eine sehr große Veränderung für Deloro, die Belegschaft und die Firmenkultur.
Ich habe in dem Zusammenhang eine Aufgabe im Europavorstand von Kennametal übernommen und verantwortete für ca. 3 Jahre verschiedene Geschäftsbereiche von Kennametal aus Schaffhausen, Schweiz, darunter auch den Vertrieb für die Produkte von Deloro in Koblenz. Als der Vorstand von Kennametal wechselte, hatte ich die Gelegenheit, den neuen Vorstand davon zu überzeugen, dass Deloro, so wie es in Kennametal integriert wurde, sich nicht optimal entwickeln würde. Daraufhin bat er mich, einen Vorschlag für die europäischen Deloro Unternehmen zu erarbeiten, die es zu verändern galt.
Den Vorschlag sollte ich schließlich umsetzen – und bereits nach 2 Monaten bekam ich die Rückmeldung, dass nun eine Selbständigkeit erreicht sei, die einen Verkauf des Unternehmens möglich machen würde.
Sehr schnell war klar, dass ich nicht nur den Verkauf mit begleiten würde, sondern mit Deloro zusammen Kennametal verlassen würde. Nach einem sehr turbulenten Verkaufsprozess hat Madison uns übernommen und so wurde ich zum CEO der Deloro Gruppe und habe seit Dezember 2015 die Verantwortung für alle Deloro Standorte.
Auch unter unserem neuen Eigentümer, seit 2022, darf ich diese Aufgabe weiter wahrnehmen und habe zusätzlich noch Verantwortung für zwei weitere Unternehmen aus seinem Portfolio in Deutschland und England übernommen.
In den ersten Jahren sicher nicht – aber die Firma nimmt einen emotional gefangen. Ich müsste lügen, wenn ich nicht zugäbe, dass ich mir während der Zeit auch immer wieder einmal alternative Möglichkeiten angesehen habe. Aber die Kombination aus einem vergleichsweise kleinen Unternehmen mit großer Internationalität, abwechslungsreichen Absatzmärkten und vielseitigen Technologien ist unschlagbar.
Der Moment, in dem es mir gelang, zumindest Teile des Unternehmens wieder von Kennametal zu trennen und gemeinsam mit einem neuen Eigentümer Deloro wieder eine unabhängige Entwicklung mit Fokus auf die eigenen Stärken und Fähigkeiten zu ermöglichen.
Über Jahrzehnte hatte Deloro in allen Eigentümerkonstellationen finanziell immer die Stärke, sich selbst – und in vielen Fällen andere Gruppengesellschaften – aus Eigenmitteln zu finanzieren. Das hat uns erlaubt, unseren Mitarbeitern über die mehr als 50-jährige Firmengeschichte sichere Arbeitsplätze zu bieten – was insgesamt in der Wirtschaft leider nicht mehr selbstverständlich ist. Es gab so viele Erfolge, Projekte und Fortschritte, dass die einzelnen gar nicht alle genannt werden können.
Ich möchte aber die Übernahme und den Aufbau von Deloro Coatings in Italien, die erfolgreiche Nuklearzulassung als einer der ersten Zulieferer in Europa und die Neuentwicklung von leistungsfähigen Legierungen – vor allem seit der Zeit, in der Deloro auf sich allein gestellt ist – hervorheben.
Und schließlich die Erarbeitung unserer Werte – Mut, Glaubwürdigkeit und Respekt – welche seit vielen Jahren unsere Firmenkultur prägen.
Sicherlich die familiär geprägte Firmenkultur, inklusive kurzer Wege und direkter Kommunikation – und eine Erwartung, dass Handlungs- und Lösungsorientierung mit verantwortungsvollem Mitdenken vor der Einhaltung von Regeln und Vorschriften gelten sollte.
Am besten könnten diese Frage allerdings die Mitarbeiter beantworten.
Es gab sieben Eigentümer: 1997 von Thermadyne an Morgan Grenfell Private Equity, 2002 an Vision Capital, 2006 an Duke Street Capital, 2012 an Kennametal, 2015 an Madison, 2022 an eine US-Familie. Diese Veränderungen waren sehr herausfordernd und Deloro hat all diese Herausforderungen gemeistert.
Mehr Digitalisierung – nach einem vornehmlich von Ingenieuren und Produktionern geleiteten Middle Management sind heute Strukturen rund um Digitalisierung, ERP, Cyber Security und in Anfängen KI immer relevanter. Zusätzlich führen die veränderten Marktanforderungen zu einer zunehmenden Bedeutung von Engineering, Qualitätsmanagement und Entwicklung.
Über die Jahre haben sich Marktbegleiter entwickelt, was zu steigenden Anforderungen an Außendienst, Marketing, Medienpräsenz, Social Media Präsenz führt und insgesamt den Wettbewerbsdruck erhöht.
Was nicht geändert hat:
Sicher hätte ich mir vieles von dem, was heute unseren Arbeitsalltag prägt, zu Beginn meiner Laufbahn nicht vorstellen können. Die größte vor uns liegende Veränderung sind für mich die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz. Sie eröffnet Möglichkeiten, die Arbeitsweisen grundlegend verändern werden.
Der Fokus auf Nachhaltigkeit hat viele unserer klassischen Absatzmärkte beeinflusst. Als Anbieter von Verschleißschutzlösungen hängt ein großer Teil unseres Absatzes von Anwendungen in Hochtemperaturbereichen ab. Gerade diese werden hinterfragt – Dieseltechnologie, Kohlekraftwerke, Öl und Gas, etc. Wir haben in den letzten Jahren zum einen erfolgreich unseren Fokus auf neue Anwendungen verschoben, und uns ist bewusst geworden, wie groß unser Beitrag zu Nachhaltigkeitsthemen über unsere Produkte und Lösungen, durch Verschleißschutz, Recycling, Reparatur statt Ersatz, ist.
Ich habe hoffentlich noch ein paar Jahre vor mir – aber die Frage ist interessant und beschäftigt mich tatsächlich. Wie Sie wissen, verantworte ich ja noch andere Unternehmen als Deloro Wear Solutions in Koblenz – und jedes der Unternehmen geht seinen Weg mit seinen Herausforderungen, Phasen der Stärke und der Anspannung. Ich möchte auf eine Unternehmensgruppe zurückblicken, die zukunftsfähig aufgestellt ist – sprich, die in zukunftsorientierte Märkte und an starke Kunden liefert und mit ihren Produkten und Dienstleistungen einen Beitrag zu der sich verändernden Welt leistet.
Kurz und knapp:
Positiv hervorzugeben sind am Wirtschaftsstandort nach wie vor die gute bis sehr gute Qualität der Arbeitskräfte und die politische Stabilität. Für unser Unternehmen ist insbesondere die Nähe zu unserem größten Kunden hervorzuheben.
Unser Land ist heute stark von komplexen Strukturen und Bürokratie geprägt, die Innovation ausbremsen. Wir brauchen mehr Mut und Tempo – eine Kultur des Machens statt des Überregulierens.
Steuererleichterungen sind wichtig, aber nicht der entscheidende Hebel. Vielmehr sollten wir uns an Ländern orientieren, die klar definieren, welche Zukunftsbranchen sie stärken wollen – und dafür gezielt Forschung, Kooperationen mit Universitäten und Investitionen fördern. Es fehlte jedoch an Tempo. Die bereitgestellten Investitionsmittel müssen schneller und unbürokratischer in zukunftsfähige Projekte fließen – das ist bislang kaum spürbar.
An erster Stelle steht: durchgängig mehr Fokus auf unsere Kunden und deren Bedürfnisse – zufriedene Kunden sind die Grundvoraussetzung für jede Art von Erfolg.
An zweiter Stelle steht Innovationskraft – unser Angebot stetig an veränderte Anforderungen in den Zielmärkten anpassen und verbessern.
Nichts ist unmöglich – mitdenken, anpacken, sichtbar werden, sich nicht von Hierarchien oder Middle Management ausbremsen lassen, neugierig sein und sich engagieren.
Dabei nicht aus den Augen verlieren, dass es auch andere Beschäftigungen als das Arbeiten gibt – Balance ist wichtig – idealerweise von Anfang an.
Ich reise gern – und verbringe gern Zeit mit der Familie und Freunden in Südfrankreich und in der Schweiz. Ein Winter ohne Skifahren in der Schweiz ist kein Winter – und ein Sommer ohne Rosé in Südfrankreich ist kein Sommer.
Ich versuche, mich mit Laufen fit zu halten – und habe das Mountainbike-Fahren noch nicht aufgeben – aber dafür fehlt mir häufig die Zeit.
Härter. Widerstandsfähiger. Stärker. Nachhaltiger. Seit über 115 Jahren machen wir nichts anderes. Im Kern eines jeden Prozesses. Als One-Stop-Anbieter für Ingenieurdienstleistungen, Legierungen, Zusatzwerkstoffen, einbaufertigen Bauteilen oder kompletten Schweiß-Systemen.
